
Fred Jung über Wind, der sich verschenkt,
Dynamik in Wörrstadt und wo man die
besten Berater findet
Was war Ihre Motivation für das erste Windrad?Ich war begeistert von dem Bild, wie Wind über einen Acker weht. Er war einfach da, ohne Transport, ohne Abbau. Der Wind schickt keine Rechnung, er macht Energie und Strom – einfach so.
Ist das auch heute noch Ihre Motivation oder hat sich durch Ihren Erfolg und das Wachstum Ihres Unternehmens eine andere Gewichtung ergeben?
Viele Faktoren sind hinzugekommen: strukturell, finanziell, politisch etc. - Doch die Grundmotivation ist geblieben: "Der Wind schickt keine Rechnung".
Wir möchten mit "juwi" den Umstieg gestalten. Die Nutzung von Wind, Sonne und anderen natürlichen Ressourcen ermöglicht es, die Welt mit dem wichtigen Gut Energie zu versorgen und zwar friedlich ohne Kampf um Ressourcen. Menschen vor Ort sollen dezentral und unabhängig an Energie kommen.
Als Unternehmen müssen wir uns dem Wettbewerb stellen und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen. Doch wie man bei uns in Rheinhessen sagt "das letzte Hemd hat keine Taschen". Grundmotivation ist die Aufgabe, die Vision, nicht das Geld.
Der bezahlbare Zugang zu Energie wird in den Industriestaaten als Selbstverständlichkeit verstanden. Anders ist es in Dritt- oder Schwellenländern, in ländlichen Gebieten Osteuropas. Mit Ihrem Know How helfen Sie in einigen dieser Länder. Wie sieht diese Hilfe aus?
Wir beteiligen uns an Bundes- und EU-Ausschreibungen. Regionen, die zuvor mit Diesel-Aggregaten ihre notwendige Energie erzeugen mussten, erfahren durch unsere Projekte, dass auch verlässliche Energie aus ihren eigenen Ressourcen erzeugt werden kann.
Die Menschen erleben, wie sie, unabhängig von Regierungsstellen und Geld, Energie zum Leben und Arbeiten erzeugen können. Dabei liefern wir nicht nur, sondern schulen auch die Menschen vor Ort für den weiteren selbstverantwortlichen Umgang mit den Produkten. Eigene Projekte verwirklichen wir mit unserer Stiftung, die beispielsweise Krankenhäuser und Kinderheime mit Energie versorgt.
Begreifen Sie diese Ermöglichung an Teilhabe von Energie als soziale Gerechtigkeit: Jeder soll saubere Energie erzeugen und/oder beziehen können?
Grundbedürfnisse des Menschen sind Energie, Nahrung, Gesundheit. Diese Güter für alle Menschen bereitzustellen ist Ausdruck sozialer Gerechtigkeit. Zugleich sind diese Güter stark reguliert, auch in Deutschland. Daraus entstehen Nöte, Bürgerkriege, Revolutionen. Neue Energien und die Teilhabe daran sind ein friedlicher Weg, soziale Gerechtigkeit zu schaffen.
Ist das gleichsam eine "Lutherisierung" der Energiepolitik? Weg von Monopolisten und Warten auf staatliche Infrastruktur, hin zu persönlichem Einbringen, Eigenverantwortlichkeit und Partizipation?
Energie selbst zu produzieren, Wertschöpfung in der Region zu lassen und damit Preisdiktate und zentrale Strukturen zu brechen: Das würde ich in diesem Rahmen "Lutherisierung" nennen. Bundesbürger haben Interesse an neuer Energie, ihnen ist wichtig, Unabhängigkeit von geo- und energiepolitischen Machtinteressen einzelner Staaten zu erlangen. Unabhängigkeit gibt Sicherheit.
Könnte also auch ein einzelner Hauseigentümer bei "juwi" anrufen?
Ja, natürlich. Auch ein Bürger, eine kleine Kommune erhalten ein Angebot für alternative Energieerzeugung.
Also auch ein gesellschaftlicher Auftrag?
Unser Energieprojekt umsetzen: ja - und im Umfeld unseres Unternehmens Verantwortung übernehmen. Dazu gehört unsere Kindertagesstätte "juwelchen", die gerade von vierzig auf siebzig Plätze für Kinder zwischen ein und sechs Jahren ausgebaut wird, aber auch ein umfangreiches Sport- und Gesundheitsprogramm sowie der OASE-Andachtsraum.
Neu ist auch die "juwitality GmbH". Sie bewirtschaftet unsere Kantine und sorgt für biologisches und saisonales Essen aus regionalen Produkten. Von den Mitarbeitern erfahre ich, wie sehr sie es schätzen, eine gute Mahlzeit zu bekommen und wieviel sie zu einer guten Arbeits- und Gesprächsatmosphäre beiträgt. Aber auch den Produzenten der Region sind wir damit verbunden: kurze energiebewusste Anfahrtswege und die Wertschöpfung in der Region.
In den Kommunen, mit denen wir zusammenarbeiten, unterstützen wir Projekte für Kinder, Jugendliche und im Sportbereich. Schulen bieten wir Energiewandertage an. Einen Tag lang können die Kinder und Jugendlichen ein Projekt kennenlernen und uns Löcher in den Bauch fragen, anschließend gibt es einen richtigen Abschluss mit Test. Im "juwelchen" gibt es Expeditionen und Forschungsaufträge, da machen sich unsere Kinder mit Abenteuerlust und Neugier an die Arbeit. Damit möchten wir die Energienutzer von Morgen für einen bewussten Umgang mit Energie sensibilisieren.
Sie stellen viele Menschen ein, noch mehr würden gern bei Juwi arbeiten. Was meinen Sie würden Ihre Mitarbeiter an den ersten drei Positionen nennen, wenn man sie fragt, warum sie gern bei Juwi arbeiten?
Neue Mitartbeiter werden wahrscheinlich die offene, familiäre, herzliche und dynamische Atmosphäre bei "juwi" nennen, das wird ihnen zunächst auffallen, neu und ungewohnt erscheinen; auch, dass wir alle per Du sind im Unternehmen. Zum anderen identifizieren sich die Mitarbeiter mit der Vision unseres Unternehmens.
Einige Monate später werden die Mitarbeiter sagen, dass das Tempo hoch ist und dass es manchmal auch chaotisch sein kann. Grund sind die ständigen Veränderungen und die Dynamik bei uns. Da muss jeder Mitarbeiter einen Weg finden, damit umzugehen – als einzelner Mitarbeiter und im Team. Die Dynamik ist ein zentraler Punkt: Doch sie ist Teil von "juwi".
Was bereitet Ihnen die größte Freude in Bezug auf Mitarbeiterführung?
Wenn wir ein Projekt gemeinsam gemeistert haben. Wenn ein Mitarbeiter zu mir sagt "ich fühle mich hier sauwohl". Oder ein Mitarbeiter offene und konstruktive Kritik äußert. Gerade das traut sich ein Mitarbeiter ja selten, den Chef zu kritisieren. Ich denke, es ist ein Ausdruck von Vertrauen, wenn ein Mitarbeiter zu mir sagt "Du Fred, ich finde, das hier könnten wir besser machen, ich habe da eine Idee". Über dieses Vertrauen freue ich mich.
Gibt es Grundsätze, die Ihnen in Bezug auf die Unternehmenskultur eine Richtschnur sind?
Werte wie Ehrlichkeit, Vertrauen, den Mensch wertschätzen, Vergebung praktizieren, diese Grundsätze sind auf der Skala ganz oben. In der Bibel sind es immer Teams, keiner wird alleine losgeschickt. Es waren oft zwei Gesellen. Auch wir, Matthias Willenbacher und ich, sind von Anfang an zu zweit gewesen und haben Freud und Leid miteinander geteilt und so handhaben wir es auch in unseren Tochtergesellschaften, die nahezu alle zwei Geschäftsführer haben.
Das Loslassen, Vertrauen in Mitarbeiter haben und ihnen Raum für die Übernahme von Verantwortung geben, das versuchen wir bei jedem einzelnen Mitarbeiter umzusetzen und erst recht bei den einzelnen Geschäftsführern: Wir geben ihnen Freiheit und Vollmacht, selbständig zu handeln und Entscheidungen zu treffen, zugleich unsere Unterstützung und unser Vertrauen. Menschen sollten im Alltag ihre Werte vorleben und dadurch die Menschen positiv nach innen und außen prägen.
Teamarbeit und Wertegerüst sind zwei zentrale Begriffe...
Ja, genau. Mitarbeiter sind das wichtigeste Potential, das eine Firma hat. Es macht mir Freude zu sehen, wenn ein Team menschlich wie inhaltlich gut zusammenarbeitet. Das geht nur, wenn sich alle an das Wertegerüst halten und es umsetzen. Fragen wie "wie gehe ich mit dem Anderen um", "wie lebe ich mit und in meiner Arbeit" müssen auf ein Wertegerüst treffen, dass alle tragen.
Es kommt auf diese Bereitschaft an, denn alle Menschen sind verschieden sozialisiert, kommunizieren unterschiedlich. Wir nehmen auch mal Azubis, die vielleicht auf den ersten Blick nicht unseren Anforderungen entsprechen, wenn das Team bereit ist, die Entscheidung mitzutragen.
Ebenso arbeiten bei uns Behinderte, die wir integrieren. Das geht immer wieder nur mit dem "bunten Blumenstrauß" aus Vorleben und miteinander reden und dabei den anderen Menschen wertschätzen – auch etwas, das Jesus uns vorgelebt hat.
Da es für Stellenbeschreibungen in unserer Branche keine adäquaten Ausbildungsberufe gibt, sind sechzig bis siebzig Prozent unserer Neueinstellungen Quereinsteiger. Es ist ein Anliegen von uns, Talente und Menschen zu fördern. Dazu gehört auch ein Personalentwicklungsprogramm und entsprechende Mitarbeitergespräche mit verschiedenen Maßnahmen, um Ziele für jeden individuell zu definieren.
Wie schaffen Sie es, trotz schnellem Wachstum Ihres Unternehmens, Ihre Werte und Philosophie an die Mitarbeiter in Deutschland und in Ihre weltweiten Niederlassungen zu transportieren?
Das A und O ist die Kommunikation. Wir haben ein gut ausgebautes und frequentiertes Intranet und 3-4 Vollversammlungen im Jahr. In unserer Hauszeitung "Commjuwity“schreiben Jochen Magerfleisch, Matthias Willenbacher und ich zu jeder Ausgabe selbst einen Artikel mit Impulsen, die wir setzen möchten.
Bei Workshops in unserem Hause in Wörrstadt schauen wir oft "einfach mal vorbei" und erzählen über "juwi", unsere Ziele und Werte. Bei der Einführung neuer Mitarbeiter nehmen sich Matthias Willenbacher und ich zwei bis drei Stunden Zeit, von "juwi" zu erzählen und ihnen unseren Umgang miteinander nahezubringen.
Die internationalen Mitarbeiter sind oft in Wörrstadt und können die "juwi-Luft" immer wieder vor Ort atmen. Anders herum bereisen Herr Willenbacher und ich zwei bis drei mal pro Jahr unsere internationalen Niederlassungen. Und natürlich ist es auch hier ein "Blumenstrauß" und keine 08/15-Lösung.
Wir haben Traineeprogramme, die uns helfen, Kommunikation zu leben. Ganz wichtig ist immer wieder, dass die Führungsebene das Wertegerüst vorlebt. Es geht von oben nach unten. Die zweite Führungsebene ist hierbei der Multiplikator, der das "juwi"-Wertesystem ins Unternehmen trägt.
Und wie haben Sie es geschafft, selbst mitzuwachsen?
Jede Phase war neu, wir haben nie eine Phase zweimal durchlaufen. Von Beginn an hatten wir gute Mitarbeiter mit Erfahrung, auf die wir gehört haben. Mitarbeiter sind die besten Berater. Natürlich gab es Rückschläge, Tiefschläge, das gehört zum persönlichen und geistlichen Reifeprozess, den jeder Unternehmer durchmachen muss – immer wieder. Dabei gehen Türen zu, andere Türen öffnen sich.
Was hat Ihnen dabei geholfen?
Mein Glaube an Gott, die Gewissheit, dass er alles in der Hand hat und zu meinem Wohle ordnet, gibt mir Ruhe und Gelassenheit und Unabhängigkeit bei allen Stürmen. Ganz klar gehört meine Frau hierher. Sie ist mir ein wichtiger und zuweilen konstruktiv kritischer Ratgeber. Ja, und einen Mentor habe ich an meiner Seite, der mir hilft, die Dinge von außen und in der großen Linie zu reflektieren.
Würden Sie diese Erfahrungen auch als Rat an Gründer und Unternehmer weitergeben?
Jeder sollte sich gute Berater suchen, sowohl fachlich als auch persönlich. Ein festes Fundament ist wichtig, da es Stürme geben wird und man auch dann über Sinn und Ziel seiner Unternehmung noch sicher sein muss. Dazu eine klare Linie, Leidenschaft und Begeisterung.
Mit Fred Jung sprach Christina Baum.
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